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 Gotaris Insights

GOTARIS Im Fokus

Solana (SOL)
Berichtszeitraum Juni 2026

Editorial

Im Juni verdichtete sich auf Solana eine Debatte, die das Netzwerk seit über einem Jahr begleitet und die im laufenden Monat eine neue Stufe erreichte. Innerhalb weniger Tage lagen gleich drei Governance-Vorschläge auf dem Tisch, die alle dasselbe strukturelle Problem adressieren, die Angebotsseite des Tokens. Genau an diesem Punkt trennt sich bei Solana die Preisfrage von der Substanzfrage besonders deutlich, denn das Netzwerk gehört bei Nutzung, Gebühren und Entwicklerarbeit zur Spitze des Vergleichsfelds, während die Ausgabe neuer Token zur Absicherung des Netzwerks seit jeher der schwächste Teil seines fundamentalen Profils ist. Diese laufende Neuausgabe, im Folgenden Emission genannt, wirkt für bestehende Token-Halter ähnlich wie eine fortlaufende Kapitalerhöhung bei einer Aktiengesellschaft, weil sie den Anteil jedes einzelnen Halters am Gesamtbestand verwässert.

Der prägnanteste Vorgang des Monats ist der Vorschlag SIMD-0550, der die jährliche Disinflationsrate verdoppeln würde. Gemeint ist damit das Tempo, in dem die laufende Neuausgabe von Token Jahr für Jahr zurückgeht. Eine schnellere Disinflation führt früher zu der niedrigen Dauerrate, auf die das Netzwerk langfristig zusteuert, der sogenannten terminalen Inflation. Für sich genommen ist das eine technische Parameteränderung. In der GOTARIS-Lesart ist es mehr, denn es ist ein Vorstoß, der exakt jene Dimension betrifft, die in unserer Bewertung die finanzielle Substanz von Solana nach unten zieht. Wir ordnen die Debatte daher nicht als Kursthema ein, sondern als Eingriff in die Angebotsseite, der bei einer Umsetzung unseren Financial Health Score für Solana heben würde. Offen ist dabei allein, ob und wann es zu dieser Umsetzung kommt, nicht die Richtung der Wirkung auf unsere Kennzahl.

Norbert Gottschalk
Geschäftsführer

Aktuelle Entwicklungen

Das beherrschende Thema des Monats war die Wiederbelebung der Inflationsdebatte. Am 2. Juni reichten zwei Entwickler des Infrastrukturdienstleisters Helius den Vorschlag SIMD-0550 in den Solana-Entwicklerforen ein.[1] Er sieht vor, die jährliche Disinflationsrate von 15 % auf 30 % zu verdoppeln. Der Startwert von 8 % und die terminale Rate von 1,5 % bleiben unverändert, allein die Geschwindigkeit des Rückgangs wird erhöht. Nach den Projektionen des Vorschlags erreicht das Netzwerk die terminale Rate damit in rund 2,8 statt rund 5,7 Jahren, also etwa in der ersten Jahreshälfte 2029 statt 2032. Die eingesparte Emission beziffern die Autoren auf rund 18,9 Millionen SOL über sechs Jahre, was zu den Preisen des Monats einer Größenordnung von etwa 1,5 Milliarden US-Dollar entspricht.[2] Es ist die dritte Iteration desselben Anliegens, nachdem ein erster Anlauf im März 2025 an einer Abstimmung gescheitert und ein zweiter Anfang 2026 wegen Inaktivität geschlossen worden war.[3] Am 10. Juni signalisierte ein Prüfer des Entwicklungsteams Anza grundsätzliche Zustimmung, die Freigabe des zweiten Gatekeepers aus dem Firedancer-Team stand zum Monatsende noch aus.

Parallel liefen zwei weitere Vorschläge zur Angebotsseite. SIMD-0547, eingereicht Ende Mai von einem Entwickler des Projekts Temporal, will eine ressourcenbasierte Grundgebühr einführen, die vollständig verbrannt wird. Verbrennen bedeutet hier, dass die betreffenden Token dauerhaft aus dem Umlauf genommen werden, vergleichbar mit einem Aktienrückkauf, bei dem die zurückgekauften Stücke eingezogen werden. Die täglich verbrannte Menge läge nach den vorliegenden Schätzungen je nach Auslastung deutlich über dem aktuellen Niveau von rund 648 SOL pro Tag, das im Verhältnis zur täglichen Emission von rund 60.000 SOL bislang kaum ins Gewicht fällt.[4] SIMD-0553 setzt an der Bepreisung der Rechenlast an und adressiert eine Fehlbepreisung, die zu einem Teil ebenfalls über einen solchen Verbrennungsmechanismus wirken würde. Alle drei Vorschläge eint, dass sie das Verhältnis von Neuausgabe und Rückführung zugunsten der Token-Halter verschieben wollen, auf unterschiedlichen Wegen.

Den Hintergrund dieser Vorstöße bildet eine Debatte, die im Berichtszeitraum an Schärfe gewann. Beobachter verwiesen darauf, dass die wirtschaftliche Aktivität auf Solana zwar hoch ist, der Token davon aber strukturell wenig abbekommt, weil ein erheblicher Teil der Erträge bei den Betreibern und der Anwendungsschicht verbleibt. Genau diese Lücke zwischen reger Netzwerkaktivität und schwachem Wertzufluss zum Token lieferte den drei Vorschlägen ihren gemeinsamen Antrieb.

Der betroffene Score und seine drei Säulen

Für die Einordnung der Inflationsdebatte ist innerhalb des GOTARIS-Modells genau ein Wert maßgeblich, der Financial Health Score. Er prüft die finanzielle Tragfähigkeit eines Netzwerks und ist damit der Score, an dem sich eine Änderung der Token-Emission unmittelbar zeigen würde. Die übrigen Dimensionen des Gesamtscores bleiben in diesem Bericht bewusst außen vor, da sie für die Bewertung der SIMD-Vorschläge nicht einschlägig sind und im wöchentlichen Score-Bericht ausführlich behandelt werden.

Der Financial Health Score von Solana liegt zum Stichtag 28. Juni bei 55 Punkten und damit in der Kategorie Solide. Der Wert beruht auf drei Säulen. Die erste ist die Wertschöpfung, also die Frage, wie viel laufenden ökonomischen Wert das Netzwerk zugunsten der Token-Halter erzeugt, etwa aus Gebühren und Rückführungen. Die zweite ist der Verwässerungsschutz, also der Schutz bestehender Halter vor künftigem Angebotsdruck aus noch nicht freigegebenen Token-Tranchen. Die dritte ist die Inflations-Kontrolle, also die Disziplin der laufenden Neuausgabe gemessen an der Netto-Ausweitung des umlaufenden Angebots über zwölf Monate.

Bei Solana verteilen sich diese drei Säulen ungleich. Die Wertschöpfung ist die stärkste Säule, getragen von einer breiten Nutzung und einem hohen laufenden Gebührenaufkommen. Der Verwässerungsschutz liegt auf einem soliden mittleren Niveau. Die Inflations-Kontrolle ist die schwache Säule. Wir sehen darin den entscheidenden Hebel der gesamten Debatte, denn genau diese Säule verhindert eine höhere Einstufung der finanziellen Substanz, weil eine schwach ausgeprägte Säule im Modell überproportional wirkt und sich durch die starke Wertschöpfung nur teilweise auffangen lässt. Damit ist der wunde Punkt des Profils zugleich der Punkt, an dem die SIMD-Vorschläge ansetzen.

Regulatorisches und ökonomisches Umfeld

Die Inflationsdebatte ist kein staatlich regulatorischer Vorgang, sondern eine netzwerkinterne Governance-Frage, sie wirkt jedoch wie eine Veränderung der ökonomischen Rahmenbedingungen des Tokens. Die laufende Emission entsteht über das sogenannte Staking. Token-Halter binden dabei ihre Bestände, um den Betrieb des Netzwerks abzusichern, und erhalten dafür neu ausgegebene Token als Vergütung. Die technischen Betreiber, die diesen Prozess organisieren, werden Validatoren genannt. Diese laufende Ausgabe weitet das umlaufende Angebot strukturell aus. Eine schwache Inflations-Kontrolle ist damit nicht Ausdruck fehlender Disziplin, sondern einer bewussten Designentscheidung zugunsten der Netzwerksicherheit, die im Substanzmodell aber als Belastung der Angebotsseite erfasst wird. Hier liegt der Interessenkonflikt, der die Debatte seit über einem Jahr prägt. Validatoren und die an sie gebundenen Halter beziehen einen Teil ihrer Erträge aus der Emission, während die Gesamtheit der Token-Halter die Verwässerung trägt. Die Projektionen zu SIMD-0550 beziffern den Effekt auf der Validatorenseite konkret, die nominale jährliche Verzinsung des gebundenen Bestands fiele im ersten Jahr von rund 4,93 auf rund 4,34 %, und die Zahl der unrentabel werdenden Validatoren stiege nach Schätzung der Autoren von zwei im ersten auf rund dreißig im dritten Jahr.[2]

Wesentlich für die Einordnung ist der Umsetzungsstand, der sich zwischen den Vorschlägen unterscheidet. Ende Juni befinden sich alle drei in der Diskussions- oder Prüfphase, für keinen ist ein Abstimmungstermin angekündigt. Die beiden Gebühren-Verbrennungs-Vorschläge (SIMD-0547 und SIMD-0553) sind technisch an Alpenglow gebunden und können erst nach dessen Aktivierung wirksam werden. Alpenglow geht ihnen damit zwingend voraus. Das Mainnet-Ziel für Alpenglow liegt im späten dritten oder frühen vierten Quartal 2026.[5] Der Disinflations-Vorschlag (SIMD-0550) ist dagegen technisch nicht von Alpenglow abhängig, da er lediglich einen bestehenden Parameter verändert. Er wartet nach Angaben der Autoren auf neue Werkzeuge für den Abstimmungsprozess, und die vorgelegte Modellierung kalkuliert einen mehrmonatigen Vorlauf für Abstimmung und Aktivierung ein, mit einem angepeilten Wirksamwerden gegen Mitte Oktober 2026.[6] Allen drei Vorschlägen gemeinsam ist, dass ihre fundamentale Wirkung auf die Angebotsseite erst mit der tatsächlichen Aktivierung entsteht, nicht mit der Ankündigung. Hinzu kommt die politische Hürde, denn ein inhaltlich vergleichbarer Vorstoß ist in den vergangenen anderthalb Jahren bereits zweimal gescheitert oder verschleppt worden, was zeigt, dass der zugrunde liegende Interessenkonflikt zwischen Validatoren und breiter Halterschaft eine Umsetzung keineswegs sicher macht.

Fundamentale Einordnung

Welcher Vorschlag welche Säle trifft

Die drei Governance-Vorschläge wirken nicht pauschal, sondern jeder auf eine bestimmte Stelle des Säulen-Profils. SIMD-0550 zielt direkt auf die Inflations-Kontrolle, also auf die schwache Säule. Eine verdoppelte Disinflationsrate verlangsamt die Netto-Ausweitung des Angebots und entlastet damit exakt jene Dimension, die heute die finanzielle Substanz nach unten zieht. Würde der Vorschlag umgesetzt, wäre dies die unmittelbarste denkbare Verbesserung des Financial Health Scores, weil sie an der schwächsten Säule ansetzt, deren Schwäche im Modell überproportional durchschlägt.

SIMD-0547 und SIMD-0553 wirken auf die Wertschöpfungsseite, jedoch aus einer anderen Richtung. Sie führen über die Verbrennung von Gebühren laufend Token aus dem Umlauf zurück und stärken damit die Rückführung an die Token-Halter. Sie setzen genau an der oben beschriebenen Lücke zwischen Netzwerkaktivität und Wertzufluss zum Token an. Ein gewichtiger Teil dieser Aktivität entfällt auf sogenanntes MEV, also auf Erträge, die spezialisierte Marktteilnehmer daraus ziehen, dass sie die Reihenfolge von Transaktionen innerhalb eines Blocks zu ihren Gunsten beeinflussen, etwa bei Arbitrage auf dezentralen Handelsplätzen. Diese Erträge fließen heute überwiegend an die Betreiber und kaum an die Gesamtheit der Halter. Eine breitere Verbrennung von Gebühren würde einen Teil dieses Werts in eine Reduktion des umlaufenden Angebots überführen und damit mittelbar allen Haltern zugutekommen.

Wir bewerten die Vorschläge in der Summe als unmittelbar substanzrelevant, weil sie an beiden Stellschrauben des Financial Health Scores ansetzen, an der Entlastung der schwachen Inflations-Säule durch SIMD-0550 und an der Stärkung der Rückführung durch die verbrennungsorientierten Vorschläge. Käme es zu einer Umsetzung, wäre nach der Logik unseres Modells mit einer Verbesserung des Financial Health Scores zu rechnen, da eine sinkende Netto-Emission genau die Säule hebt, die das Profil derzeit am stärksten belastet, und ihre überproportionale Wirkung im Score dann zugunsten des Werts ausschlägt. Diese Richtungsaussage betrifft allein unsere Kennzahl, nicht den Tokenpreis, über den wir keine Aussage treffen. Offen ist nicht die Richtung der Score-Wirkung, sondern allein, ob und wann eine Umsetzung erfolgt.

Einzuordnen ist dies vor dem Hintergrund, dass Solana zum Stichtag bereits Bestandteil des GOTARIS Musterportfolios ist und die Bedingungen für den Verbleib erfüllt. Die schwache Inflations-Kontrolle ist damit der einzige strukturelle Schwachpunkt eines Profils, dessen übrige Substanz tragfähig genug ist, um die Belastung schon heute zu überwiegen. Die SIMD-Debatte setzt also nicht an einem grundsätzlich fragilen Netzwerk an, sondern an der einen Stelle, an der ein ansonsten solides Fundament noch nachbessern könnte.

Ausblick

Für die kommenden Bewertungszyklen ist die Richtung der möglichen Score-Wirkung klar, offen ist allein, ob und wann die Vorschläge wirksam werden. Die Zeitschiene lässt sich für den Leser in einer einfachen Abfolge zusammenfassen. Den Anfang macht Alpenglow, dessen Aktivierung im Mainnet für das späte dritte oder frühe vierte Quartal 2026 angepeilt ist. Erst danach können die beiden Gebühren-Verbrennungs-Vorschläge überhaupt greifen. Der Disinflations-Vorschlag, der die schwache Säule direkt entlasten würde, ist von Alpenglow technisch unabhängig und könnte theoretisch früher kommen, ist nach der Modellierung seiner Autoren praktisch aber ebenfalls erst gegen Mitte Oktober 2026 wirksam. Für keinen der drei Vorschläge steht bislang ein Abstimmungstermin fest, und ein vergleichbarer Vorstoß ist zuvor zweimal gescheitert. Realistischerweise ist eine im Financial Health Score sichtbare Wirkung daher frühestens gegen Ende 2026 zu erwarten, und auch das nur, falls die Abstimmungen die nötigen Mehrheiten und Freigaben erreichen.

Da der Zeitpunkt der Abstimmungen das entscheidende offene Glied dieser Kette ist, werden wir an dieser Stelle berichten, sobald für einen der drei Vorschläge ein Abstimmungstermin feststeht. Bis dahin bleibt die schwache Inflations-Kontrolle der zentrale Beobachtungspunkt. Festzuhalten ist dabei, dass Solana seinen Platz im GOTARIS Musterportfolio bereits unter den heutigen Bedingungen behauptet, also mit der schwachen Inflations-Säule. Eine Umsetzung der Vorschläge würde dieses bereits tragfähige Profil an seinem einzigen wunden Punkt zusätzlich festigen. Die Governance-Debatte des Junis ist daher als möglicher Schritt zur Behebung der letzten strukturellen Schwäche zu lesen, nicht als Voraussetzung für die fundamentale Tragfähigkeit, die schon heute gegeben ist.

Quellen

Die folgenden Belege beziehen sich auf die im Text mit Ziffern markierten externen Sachverhalte. Die GOTARIS-Score-Werte und die Musterportfolio-Einordnung stammen aus dem eigenen Bewertungsmodell. Stand der Abfrage: 30. Juni 2026.

[1] Solana Developer Forums, SIMD-0550: Proposal to Double Disinflation. https://forum.solana.com/t/simd-0550-proposal-to-double-disinflation/4874
[2] Helius, SIMD-550: Why Solana Should Double Disinflation (Modellierung zu Emission, Staking-Rendite und Validatorenwirkung). https://www.helius.dev/blog/simd-550-solana-disinflation
[3] Solana Compass, SIMD-0550 proposes doubling Solana's disinflation rate (Vorgeschichte SIMD-0228 und SIMD-0411, Pruefstand). https://solanacompass.com/news/simd-0550-proposes-doubling-solanas-disinflation-rate-cutting-15b-in-future-sol-emissions
[4] Cryptobriefing, Solana ecosystem rallies behind Temporal's SIMD-0547 proposal (Tagesburn und Emissionsverhaeltnis). https://cryptobriefing.com/solana-simd-0547-tokenomics-proposal/
[5] Chainstack, Solana Alpenglow: how Votor replaces TowerBFT (Mainnet-Zeitfenster und Aktivierungsabhaengigkeiten). https://chainstack.com/solana-alpenglow-votor-towerbft/
[6] Helius, SIMD-550: Why Solana Should Double Disinflation (Vorlauf und angepeiltes Wirksamwerden). https://www.helius.dev/blog/simd-550-solana-disinflation

Hinweis

Diese Darstellung dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung, keine Anlageempfehlung und keine Kursprognose dar. Es gelten unsere vollstaendigen rechtlichen Hinweise unter https://www.gotaris.de/disclaimer.

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Gotaris Research Team

Das Gotaris Research Team analysiert täglich die Kryptomärkte und liefert fundierte Einblicke zu Layer-1 Projekten, DeFi-Protokollen und makroökonomischen Entwicklungen.